Tierwohlförderung: Ungenutztes Potential

Gemäss Bundesverfassung ist die nachhaltige Nahrungsmittelproduktion zu fördern. Dem widerspricht die heutige Situation, in der Produkte, die nachhaltiger produziert werden, im Markt benachteiligt sind. Eine Agroscope-Studie* weist nach, welch grosses Potential eine Aenderung der Preispolitik im Detailhandel hätte: Labelanteile könnten bei den relevanten Fleischkategorien kurz- bis mittelfristig von einem Drittel auf 40 bis 48% erhöht werden.
Zwei Marktanalysen des Schweizer Tierschutz STS haben die Ursachen für die ins Stocken geratene Nachfrage nach Labelprodukten aufgezeigt. Nachhaltig und tierfreundlich erzeugte Fleischsortimente werden im Markt mit überhohen Verteilermargen preislich unattraktiv positioniert. Demgegenüber wird der Absatz von konventionellen Sortimenten gefördert, indem sie zu «Kampfpreisen» angeboten werden. Es findet ein Dumping auf Kosten der Tiere statt. Agroscope hat im Rahmen einer neuen Studie berechnet, wie sensibel Konsumentinnen und Konsumenten auf eine Preisänderung bei Fleischprodukten reagieren und wie stark der Absatz von Label- und Biofleisch durch eine Preisänderung gesteigert werden könnte.

Auswirkungen auf das Tierwohl
Die Agroscope-Studie berechnet die Wirkung einer Annäherung der Verkaufspreise zwischen konventionellem Fleisch bzw. Label- und Bioprodukten. Ausgehend davon hat der STS in zwei Szenarien, bei Preisänderungen von 10 bis 20%, eindrucksvolle Ergebnisse abgeleitet: Bis zu 25% mehr Rinder könnten in der Schweiz in tierfreundlichen Haltungssystemen leben. Das entspräche knapp 40'000 Tieren. Bei den Schweinen wären dies sogar zusätzlich bis zu 32% bzw. knapp 300'000 Tiere. Beim Mastgeflügel sind die Marktbedingungen für Label- und Biotiere derart unbefriedigend, dass heute erst 7.9% der Tiere in tiergerechten Systemen leben. Die Berechnungen zeigen, dass dieser Anteil auf 10% ansteigen und zusätzlich 1.5 Mio. Tiere davon profitieren könnten.

Umkehr der Preispolitik
Der Schweizer Tierschutz STS fordert die Marktakteure zum dringenden Handeln auf. Im Austausch mit Markakteuren hat der STS den Branchenansatz «maximale Preisrelationen» entwickelt und möchte nun die Detailhändler verpflichten, sich an gewisse maximale Bandbreiten bei den Labelpreisen zu halten, ihre zentrale Rolle innerhalb der Wertschöpfungskette zu nutzen und die Labelmärkte neu zu beleben. Die Umkehr der Preispolitik ist auch eine zentrale Forderung an den Bund, mit Lenkungsmassnahmen die Kostenwahrheit sicherzustellen.

Mit der im Rahmen der Tierschutz-Recherche «Handlungsoptionen bezüglich Tierwohl anhand der Marktanalyse von Agroscope» veröffentlichten Labelstatistik 2020 zeigt der STS, wie sich die Unternehmungen heute im Labelbereich engagieren und welche Entwicklung zu erwarten ist.

* Agroscope: Oekonomische Tierwohlanalyse 2020, Ergebnisse der Marktanalyse
https://ira.agroscope.ch/de-CH/publication/44504